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(Un)Bestimmtheit. Praktische Problemkonstellationen

Dr. Julian Müller und Dr. Victoria von Groddeck


Moderne Zeiten sind unbestimmte Zeiten. Es ist ein soziologischer Allgemeinplatz, die moderne Gesellschaft vor dem Hintergrund der Erfahrung von Unbestimmtheit zu be­schreiben. Egal ob in der Wissenschaft, den Medien oder der Alltagssprache, Beschreibungen der Gesellschaft scheinen nicht umhin zu kommen, die Verhältnisse als unsicher, undurchschaubar, komplex oder riskant zu charakterisieren. Jürgen Habermas etwa hat das Wort der Neuen Unübersichtlichkeit geprägt, Jean-François Lyotard hat ein Ende der großen Erzählungen diagnostiziert, und Ulrich Beck hat schließlich eine Zweite Moderne ausgerufen, um auf komplexe und damit riskante Folgen von globalisierten Verflechtungen hinzuweisen. So verwundert es auch nicht, dass auf der Ebene der Theoriesprache Begriffe wie "Kontingenz", "Inkommensurabilität" oder "Poly­kontexturalität" zu den erfolgreichsten Beschreibungsformeln moderner Zustände avancieren konnten.

Das zentrale Ziel dieser Beschreibungen war es, den Verlust von Eindeutigkeit zu beschreiben und für die Forschung produktiv zu machen. Wenn dieser Band daher (Un)Bestimmtheit zum Thema macht, dann knüpft er zwar durchaus hieran an und doch geht es ihm um etwas anderes. Nicht der Verlust von Eindeutigkeit oder Sicherheit in der modernen Gesellschaft soll im Zentrum stehen, vielmehr geht es darum, eine empirische Diagnose ernst zu nehmen: den unübersehbaren Erfolg unbestimmter Kommunikations- und Praxisformen in der modernen Gesellschaft. In Erweiterung zu den oben skizzierten Perspektiven auf Unbestimmtheit gilt es in diesem Band gerade nicht zu beschreiben, wie sehr die Moderne die Gesellschaft mit Uneindeutigkeit überzieht, Ziel ist es vielmehr, solche Praxisformen in den Blick zu nehmen, die sich dadurch stabilisieren, dass Bestimmtes unbestimmt bleibt oder dass zwischen Unbestimmtheit und Bestimmtheit permanent oszilliert wird. Die Klammer in "(Un)Bestimmtheit" soll genau das deutlich machen. Der Band interessiert sich für Praxisformen, in denen Unbestimmtheit gerade nicht aufgelöst, sondern vielmehr in Anspruch genommen wird. Unbestimmtheit wird somit nicht als logischer oder philosophischer Terminus eingeführt, sondern vielmehr als empirische Problemkonstellation.